Norbert Röttgen

Deutschlands digitale Transformation - Handelsblatt 13.05.2020

Das Thema Digitalisierung ist nicht erst mit Corona über uns hereingebrochen. Es steht schon lange auf der politischen Agenda und trotzdem war Fortschritt in diesem Bereich vor allem eines – träge. Die Pandemie hat gezwungenermaßen wie ein Katalysator gewirkt. Innerhalb von wenigen Tagen wurde erreicht, was über Jahre in Deutschland kaum vorstellbar war. Viele haben dabei eine doppelte Erfahrung gemacht: Die der Funktionalität von digitaler Kommunikation und wie wertvoll bis unersetzbar der persönliche Kontakt ist.


Die Rückkehr zur vor-Corona-Normalität: das ist es, was jetzt im Fokus zu stehen scheint. Dieses Zurückblicken ist jedoch doppelt fehlgeleitet. Zum einen wird es trotz der weitreichenden Lockerungen in den Bundesländern eine vollständige Rückkehr zur alten Normalität noch lange nicht geben. Zum anderen sollte das auch gar nicht unser Ziel sein. Beim Hochfahren der Wirtschaft und des sozialen Lebens sollten wir uns nicht rückwärtsgewandt am Alten orientieren, sondern nach vorne blicken und versuchen, besser zu werden.


Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass wir nicht nur effizienter, sondern vor allem auch resilienter werden – also unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Krisen erhöhen müssen. Wir müssen ein Bewusstsein für die systemischen Risiken der Globalisierung entwickeln und Resilienzkonzepte erstellen. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle.

Zeit für höhere Ansprüche

In der jetzigen Phase geht es vor allem um akute Anpassung an die veränderten Verhältnisse. Das wird nirgendwo so deutlich wie beim Thema Bildung. Kann es ernsthaft unser Ziel sein, jeden Schüler vor Ende des Schuljahres noch ein Mal physisch in den Unterricht zu schicken? Was wäre damit gewonnen? Statt der Rückkehr zur alten Selbstzufriedenheit brauchen wir höhere Ansprüche an unsere eigene Kreativität und Fähigkeit zur Problemlösung.


Das bedeutet, dass wir den Präsenzunterricht während Corona zu großen Teilen in den digitalen Klassenraum verlegen sollten. Was fehlt, ist ein länderübergreifendes Konzept für die digitale Schule, das Wissensvermittlung, Pädagogik und das soziale Miteinander aufnimmt. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird digitaler Unterricht in der Praxis an viel zu wenig Schulen funktionieren. Wir müssen in der Fläche digitale Lehrangebote schaffen, bedürftigen Familien Endgeräte zur Verfügung stellen, Lehrmaterial systematisch digitalisieren und Lehrer im e-learning schulen. Das ist machbar — und muss in einem Land, dessen wichtigster Rohstoff Wissen ist, absolute Priorität haben.


Die Krise bietet auch die Chance, unsere Verwaltung auf Vordermann zu bringen. Auf vielen Ämtern erhält man den Eindruck, sie seien im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen. Das hat zur Folge, dass ich die digitale Unterschrift, die in meinem Personalausweis als Fingerabdruck gespeichert ist, kaum nutzen kann. Stattdessen erfordert die Anmeldung eines neuen Wohnorts, die Beantragung neuer Ausweisdokumente oder des Führerscheins in den meisten Kommunen weiter den Gang auf das jeweilige Amt.


Ähnlich ist die Lage im Gesundheitsweisen. Auch wenn viele Arztpraxen kreativ auf die Corona-Krise reagiert haben, müssen Patienten in den meisten Fällen weiterhin persönlich erscheinen. Telefonische Beratung und Videosprechstunden könnten gerade Corona-Risikopatienten animieren, eine Konsultation nicht aus Angst vor Ansteckung ausfallen zu lassen. Rezepte, die momentan meistens noch persönlich abgeholt oder per Post verschickt werden, sollten digital ausgestellt und eingereicht werden können. Gleiches gilt für die Krankenakte, die in digitaler Form Austausch zwischen Hausarzt und Spezialisten um ein Vielfaches erleichtern würde.

Schleppende Umsetzung

Das Justizwesen ist etwas weiter. Die e-Akte ist beschlossene Sache, aber in der derzeitigen Krise nützt das wenig, da die Umsetzung schleppend vorangeht. Entsprechend wurden in den letzten Wochen Gerichtsprozesse weitestgehend ausgesetzt. Dabei könnten in allen Gerichtsbarkeiten Verfahren grundsätzlich einen Fortgang nehmen, wenn die Möglichkeit geschaffen würde, sicher und zuverlässig Akten auszutauschen und zu kommunizieren.


Angesichts der fehlenden Erfahrung mit Corona haben wir bisher notgedrungen reaktiv gehandelt. Nun muss die Politik umschalten und gestalten. Nicht im Alleingang sondern in engem Austausch mit der Startup Branche, um heimische Innovation gezielt zu fördern. Die Debatte um die Tracing-App hat einmal mehr gezeigt, dass wir bereits besorgniserregend abhängig sind von ausländischen Tech- Unternehmen. Corona ist eine Chance, dies zu ändern. Wir müssen diese Chance nutzen.


Erschienen im Handelsblatt am 13.05.2020