Norbert Röttgen

Frauen Jetzt Voran!

Die Corona-Pandemie ist noch nicht besiegt, aber der Lockdown von Wirtschaft und Gesellschaft liegt vorerst hinter uns. In dieser harten Zeit gab es Jobs, die unverzichtbar waren – und es waren vor allem Frauen, die wiederum für diese Jobs unverzichtbar waren. Trotz erhöhtem Ansteckungsrisiko und schlechter Bezahlung haben sie - wie selbstverständlich - weiter unsere Kranken betreut, die Alten gepflegt und uns mit Lebensmitteln versorgt. Was können wir tun, um ihre Leistung besser anzuerkennen?

Doppelbelastung berufstätiger Frauen anerkennen:

Viele der mühsam aufgebauten Hilfsstrukturen wie Kita, Babysitter und Großeltern sind während der Pandemie entfallen. Es sind vor allem die Mütter, die diese Lücke schließen, indem sie neben Homeoffice zusätzlich das Homeschooling, die Betreuung der Kinder oder die Pflege der eigenen Eltern übernehmen. Die enorme Leistung dieser Frauen müssen wir als Gesellschaft sehen, anerkennen und daraus vor allem auch konkrete Konsequenzen ziehen. Hierin liegt eine große Chance für Deutschland, gerechter zu werden. Es ist eine Chance, für uns als Gesellschaft ein für alle Mal klarzustellen, dass wir auf berufstätige Frauen angewiesen sind und sie für die Arbeit, die sie leisten, angemessen bezahlt werden müssen.

Gesellschaftliche Modernisierung vorantreiben:

Ein erster Schritt wäre getan, wenn wir die gesellschaftliche Wertschätzung für die von Frauen ausgeführten Arbeiten auch nach der Krise beibehalten. Wir brauchen einen Kulturwandel, im Zuge dessen wir nicht nur temporär, sondern langfristig den Wert dieser Berufe wieder zu schätzen lernen. Aber um strukturelle Veränderungen zu erzielen, reicht ein Kulturwandel nicht aus: Bessere Arbeitsbedingungen, höhere Bezahlung und eine stärkere Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen folgen.

Frauen nicht die Schuld geben:

Strukturelle Benachteiligung von Frauen, vor allem im Arbeits- und Wirtschaftsleben findet noch immer in unserer Gesellschaft statt. In dem vom World Economic Forum erstellten jährlichen Global Gender Gap Report liegt Deutschland auf Platz 10. Damit sollten wir nicht zufrieden sein. Der Verdienstunterschied von Frauen im Verhältnis zu Männern lag in den vergangenen Jahren immer noch bei 21 Prozent. Das ist die unbereinigte Quote, weil sie entscheidend ist. Anders als die bereinigte Quote schaut sie nicht auf verschiedene Berufsgruppen und hält Frauen damit vor, selbst schuld an ihrer Lage zu sein, sie hätten ja schließlich statt Krankenschwester Heizungs- und Sanitärtechnikerin werden können. Es kann nicht sein, dass Frauen nur dann besser verdienen, wenn sie typische Männerberufe ausüben.

Bei Tarifverträgen ansetzen:

Es geht um die Anerkennung dessen, was Frauen spezifisch in den von ihnen gewählten Berufen leisten. Empathie und Zuwendung haben dabei ihren unbestrittenen Wert, aber sie brauchen einen angemessenen Preis, auch in Tarifverträgen. Hier gilt es anzusetzen, um die Berufstätigkeit von Frauen finanziell und damit auch gesellschaftlich nachhaltig aufzuwerten.

Gleicher Lohn muss selbstverständlich werden:

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist leider noch immer keine Selbstverständlichkeit. Auch im deutschen Recht gibt es dafür keine eindeutige Rechtsgrundlage. Das Entgelttransparenzgesetz, das vor rund drei Jahren in Kraft getreten ist, sieht einen solchen Anspruch eben nicht vor, sondern nur einen Anspruch auf Auskunft. Nach den bisherigen Erfahrungen muss das Gesetz nachgebessert werden. Im Kern muss es darum gehen, den Anspruch auf gleiches Entgelt festzuschreiben und die Last, sich gegen ungerechte Entgeltstrukturen zur Wehr zu setzen, von den Schultern der einzelnen Frau zu nehmen. Das kann durch strukturelle Transparenzpflichten erfolgen. Künftig sollten Unternehmen ab 200 Beschäftigten einen Bericht vorlegen, aus dem sich anonymisiert ergibt, welche Funktionen Frauen und Männer im Unternehmen ausüben und wie sie vergütet werden. Wenn ein solcher Bericht nicht erfolgt, trifft das Unternehmen die Beweislast dafür, dass eine unterschiedliche Vergütung zwischen Frau und Mann für dieselbe Tätigkeit gerechtfertigt ist.

CDU muss Gerechtigkeitsfrage lösen:

Für die CDU muss die Schlussfolgerung sein, dass wir als Partei dabei mitwirken wollen, Deutschlands Chance gerechter zu werden, zu verwirklichen und bei uns selbst anfangen. Noch immer sind Frauen in fast allen Teilen der Partei unterrepräsentiert. Bereits vor 35 Jahren wurde mit den Essener Leitsätzen ein umfassendes Programm zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen verabschiedet – aber die Ergebnisse sind nach wie vor nicht zufriedenstellend. Helmut Kohl und Heiner Geißler fanden es inakzeptabel, dass 1980 nur rund 30% der Frauen zwischen 18 und 25 CDU wählten. Heute sind es nur noch 22%. Und gleichzeitig wählen in jeder Altersgruppe mehr Frauen als Männer die CDU, was uns eine besondere Verantwortung auferlegt. Helmut Kohl und Heiner Geissler ging es nicht nur um Wahlergebnisse, sie hatten vor allem auch die Gerechtigkeitsfrage im Blick. Natürlich hat sich in den vergangenen 35 Jahren einiges getan, aber die Gerechtigkeitsfrage ist alles andere als gelöst. Deshalb verdient der unter Mitwirkung aller Landesverbände und Bundesvereinigungen mühsam erreichte Kompromiss zur Frauenquote eine Chance, nachdem alle bisherigen Bemühungen, um eine höhere Beteiligung von Frauen in der Mitgliedschaft und den Ämtern, fehlgeschlagen sind. Und darum ist es nötig, dass die CDU nach der nächsten Bundestagswahl einen Parteitag veranstaltet, der umfassend frauenpolitische Themen in den Vordergrund stellt und das Gespräch mit Frauen aller Ebenen der Partei und der Breite der Gesellschaft sucht.