Norbert Röttgen

Digitalisierung Jetzt Voran!

Das Thema Digitalisierung ist nicht erst mit Corona über uns hereingebrochen. Es steht schon lange auf der politischen Agenda und trotzdem war Fortschritt in diesem Bereich lange vor allem träge. Die Pandemie hat gezwungenermaßen wie ein Katalysator gewirkt. Innerhalb von wenigen Tagen wurde erreicht, was über Jahre in Deutschland kaum vorstellbar war. Was können wir aus dieser Erfahrung lernen?

Keine Rückkehr zur vor-Corona-Normalität:

Der Wunsch einer Rückkehr zur vor-Corona-Normalität ist doppelt fehlgeleitet. Zum einen wird es trotz der weitreichenden Lockerungen in den Bundesländern eine vollständige Rückkehr zur alten Normalität noch lange nicht geben. Zum anderen sollte das auch gar nicht unser Ziel sein. Beim Hochfahren der Wirtschaft und des sozialen Lebens sollten wir uns nicht rückwärtsgewandt am Alten orientieren, sondern nach vorne blicken und versuchen, besser zu werden.

Unsere Effizienz und Resilienz stärken:

Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass wir nicht nur effizienter, sondern vor allem auch resilienter werden – also unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Krisen erhöhen müssen. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. In der jetzigen Phase geht es vor allem um akute Anpassung an die veränderten Verhältnisse. Das wird nirgendwo so deutlich wie beim Thema Bildung. Statt der Rückkehr zur alten Selbstzufriedenheit brauchen wir höhere Ansprüche an unsere eigene Kreativität und Fähigkeit zur Problemlösung.

Digitale Lehrangebote stärken:

Sobald die Infektionszahlen es verlangen, müssen wir in der Lage sein, den Präsenzunterricht zu großen Teilen in den digitalen Klassenraum zu verlegen. Was immer noch fehlt, ist ein länderübergreifendes Konzept für die digitale Schule, das Wissensvermittlung, Pädagogik und das soziale Miteinander aufnimmt. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird digitaler Unterricht in der Praxis an viel zu wenig Schulen funktionieren. Wir müssen in der Fläche digitale Lernangebote schaffen, bedürftigen Familien Endgeräte zur Verfügung stellen und Lehrer im e-learning schulen. Das ist machbar — und muss in einem Land, dessen wichtigster Rohstoff Wissen ist, absolute Priorität haben.

Die Verwaltung modernisieren:

Die Krise bietet auch die Chance, unsere Verwaltung auf Vordermann zu bringen. Auf vielen Ämtern erhält man den Eindruck, sie seien im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen. Das hat zur Folge, dass man die digitale Unterschrift, die im Personalausweis als Fingerabdruck gespeichert ist, kaum nutzen kann. Stattdessen erfordert die Anmeldung eines neuen Wohnorts, die Beantragung neuer Ausweisdokumente oder des Führerscheins in den meisten Kommunen weiter den Gang auf das jeweilige Amt.

Das Gesundheitswesen digitalisieren:

Auch wenn viele Arztpraxen kreativ auf die Corona-Krise reagiert haben, müssen Patienten in den meisten Fällen weiterhin persönlich erscheinen. Telefonische Beratung und Videosprechstunden könnten gerade Corona-Risikopatienten animieren, eine Konsultation nicht aus Angst vor Ansteckung ausfallen zu lassen. Rezepte, die momentan meistens noch persönlich abgeholt oder per Post verschickt werden, sollten digital ausgestellt und eingereicht werden können. Gleiches gilt für die Krankenakte, die in digitaler Form Austausch zwischen Hausarzt und Spezialisten um ein Vielfaches erleichtern würde.

Umsetzung der e-Akte vorantreiben:

Im Justizwesen ist die e-Akte beschlossene Sache, aber in der derzeitigen Krise nützt das wenig, da die Umsetzung schleppend vorangeht. Entsprechend wurden in der Akutphase der Krise Gerichtsprozesse weitestgehend ausgesetzt. Dabei könnten in allen Gerichtsbarkeiten Verfahren grundsätzlich einen Fortgang nehmen, wenn die tatsächlichen Voraussetzungen geschaffen würden, sicher und zuverlässig Akten auszutauschen und zu kommunizieren.

Politik muss Digitalisierung gestalten:

Angesichts der fehlenden Erfahrung mit Corona haben wir bisher notgedrungen reaktiv gehandelt. Nun muss die Politik umschalten und gestalten. Nicht im Alleingang sondern in engem Austausch mit der Startup Branche, um heimische Innovationen gezielt zu fördern. Corona ist eine Chance, hier einen Sprung zu machen. Wir müssen diese Chance nutzen.